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(c) Pester Lloyd / 23 - 2010  POLITIK 07.06.2010

 

Beschwörung der Kulturnation

Trianon-Gedenktag in Ungarn, Provokation in der Slowakei, Proteste aus Tschechien

Während die ungarischen Parlamentarier (die Sozialisten blieben fern), meist in trauerndes Schwarz gewandet, den "Trianongedenktag" mit viel Pathos und ohne jede Spur historischer Objektivität in Parlament und Basilika absolvierten, provozierten slowakische Nationalisten die ungarischen Nachbarn an der Grenze bei Komárno mit einem Trianon-Denkmal als Antwort auf die "Infragestellung" selbiger . Auch Tschechien protestiert jetzt gegen das neue Staatsbürgerschaftsgesetz.

Am Freitag beging das ungarische Parlament den kürzlich gesetzlich erklärten Gedenktag in Erinnerung an den Vertrag von Trianon. Die Abgeordneten und einige Ehrengeäste, darunter auch Staatspräsident László Sólyom sowie Ex-Präsident Ferenc Mádl, trafen sich zu einer Messe in der Szt. István Basilika. Im Parlament beschworen Redner die Einheit der ungarischen Nation, der Präsident sprach davon, dass "die geteilten Erinnerungen einen Zusammenhalt schaffen und eine Perspektive für eine gemeinsame Zukunft".

Am 4. Juni vor 90 Jahren wurden die Verträge von Trianon unterzeichnet, nach denen Ungarn als Kriegsverlierer knapp 2/3 seines Territoriums verlor und 50-60% der Bevölkerung praktisch ausgebürgert wurden. Sólyom fuhr fort, dass "Ungarn alle Instrumente des internationalen Rechts nutzen muss, um die ethnischen Ungarn zu schützen". "Kulturnationen sind unabhängig von Staatsgrenzen oder Nationalitäten (gemeint Staatsbürgerschaften, Anm.)", der in diesem Zusammenhang das neue Staatsbürgerschaftsrecht, das zu so viel Ärger mit der Slowakei geführt hatte, als "Mittel des Zusammenhalts" begrüßte.

Die Fraktion der Sozialisten blieb dem pathetischen und ahistorischen Festakt fern, bis auf Katalin Szili (siehe Foto), die schon immer gerne eine Sonderrolle in ihrer Partei spielte. Die MSZP-Fraktion stieß sich jedoch weniger an dem Trianon-Gedenken selbst als vielmehr an einem religiös vereinnahmenden Passus in der von Fidesz verabschiedeten Deklaration. Der ehemalige sozialistische Kulturminister äußerte in einem Statement, dass auch er den Vertrag von Trianon für ein Papier hält, das neue Konflikte schuf als für Aussöhnung zu sorgen. Die Sieger haben ihn benutzt, um die Verlierer in den Boden zu stampfen, so Hiller. Eine historisch objektive Auseinandersetzung zu dem Thema ist in Ungarn derzeit fast unmöglich.

Ebenso in der Slowakei. In Komárno, dem slowakischen Teil der slowakisch-ungarischen Grenzstadt Komárom enthüllte der nationalistische Politiker und Ungarnhasse Jan Slota ein Trianon-Denkmal und zwar in unmittelbarer Nähe zum Grenzübergang zu Ungarn, "um den Ungarn zu zeigen, wo die Grenzen verlaufen", wie er sich ausdrückte. Den Festakt verfolgten Hunderte SNS-Anhänger mit Fahnen, Polizei war deutlich präsent. Slota, dessen Partei mit der "sozialdemokratischen " Smer-Partei von Robert Fico in Koaltion regiert, erinnerte daran, dass der Friedensvertrag von Trianon und damit auch die Souveränität der Slowakischen Republik von ungarischen Kreisen, die Regierung eingerechnet, in Frage gestellt werde.

"Dies ist unsere Antwort auf die Provokationen der ungarischen Politiker der Partei Fidesz, des Herrn Orbán und der neonazistischen Partei Jobbik. Die Slowakei zeigt jetzt ganz Europa und auch den Ungarn, dass dies unser Land ist und dass wir uns dessen nie werden berauben lassen". Erst kürzlich hatte Slota vor einem bewaffneten Überfall Ungarns auf die Slowakei gewarnt, die ungarische Minderheit betrachtet er als 5. Kolonne Budapests und bezeichnete sie auch schon als "Krebsgeschwür" in slowakischen Nationalkörper.

 

Das Denkmal beinhaltet eine Danksagung an die Alliierten für den Abschluss des Friedensvertrags mit Ungarn am 4. Juni 1920 im Schloss Grand Trianon in Versailles nahe Paris. "Der Vertrag schuf die Tschechoslowakei und weitere Länder innerhalb der dazugehörenden Grenzen und gab Europa ein neues Antlitz", heißt es im Text. Am 12. Juni sind in der Slowakei Wahlen.

Derweil haben sich auch die tschechischen Staatsoberhäupter, Präsident Vaclac Klaus und Regierungschef Ján Fischer in einer gemeinsamen Erklärung zum neuen Staatsbürgerschaftsrecht Ungarns geäußert. Sie stoßen sich vor allem daran, dass einige Passagen im Text, den Schluss zulassen, das Gesetz ignoriere den Vertrag von Trianon. Dies könnte ihr Land nicht akzeptieren und beide zeigten sich über diese Entwicklung besorgt. Tschechien hatte der Slowakei schon zuvor Unterstützung gegen das neue Gesetz in Ungarn zugesagt.

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