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(c) Pester Lloyd / 31 - 2010 GESELLSCHAFT 12.08.2010
KOMMENTAR
Nein! Nein! Niemals!!
Bremsender Nationalballast: Ungarn und das Erbe von Trianon
Nicht erst mit dem Aufstieg der rechstextremen Partei Jobbik häufen sich die Anzeichen für eine kollektive Tolerierung revisionistischer Stimmungen. Auch in
den Kreisen der herrschenden Nationalkonservativen wird - wie zuletzt durch ein Trianon-Denkmal in Kecskemét - Geschichte als bewusstes Mittel der Propaganda
missbraucht, was Ungarn auf einen gefährlichen Weg führt.
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Für viele Magyaren scheinen nicht erst bei der Wirtschaftskrise dieser Tage, sondern
schon 1920 alle Lichter für ihr Land ausgegangen zu sein. Mit der Aufteilung Großungarns im Friedensvertrag von Trianon setzte der Untergang des Abendlandes für
Ungarn nicht nur ein, er wurde damit auch gleich vollstreckt. Gut zwei Drittel seines Territoriums büßte das Land damals ein und schrumpfte damit vom Juniorpartner des
riesigen Habsburgerreiches zum unbedeutenden Kleinstaat. Drei Millionen Ungarn lebten von einem Tag auf den anderen im benachbarten Ausland und mussten auf einmal
feststellen, dass sie zur Minderheit geworden waren.
Der omnipräsente Revanchismus der Zwanziger- und Dreißigerjahre
Leugnung und Zorn waren die erwartbare Folge und beherrschten vollständig den
politischen und gesellschaftlichen Diskurs im Ungarn der Zwanziger- und Dreißigerjahren. Dies nahm zum Teil absonderliche Formen an. So etwa kam damals ein Schüler, der etwas
auf sich und sein Vaterland hielt, nicht an den Bleistiften mit dem revisionistischen Schlachtruf „Nem! Nem! Soha!“ (Nein! Nein! Niemals!) vorbei. Egal ob Wandteppich,
Sodaflasche oder Brettspiel, nichts war zu trivial, als dass man es nicht mit den Umrissen Großungarns oder mit markanten Slogans hätte verschönern können. Im ganzen Land
wurden zudem diverse Statuen eingeweiht, die den herben Verlust symbolisch verdeutlichten. Und nicht zuletzt wurde auch Reichsverweser
Horthy nicht müde, die vollständige Rückgabe der abgetretenen Gebiete bei öffentlichen Kundgebungen zu fordern und somit die Stimmung nach innen
aufzuheizen, während er auf internationalem Parkett deutlich kleinlauter auftreten musste. Im Verbund mit den deutschen Faschisten und mit Gewalt gelang ihm eine
Teilrevision von Trianon. All dies bereitete den fruchtbaren Nährboden für den stetigen Aufstieg der faschistischen Pfeilkreuzler gegen Ende der 30er-Jahre, die in deren
Machtergreifung 1944 mündete und das alte Ungarn schließlich endgültig untergehen ließ.
Das Feuer schwelte unerkannt jahrzehntelang weiter
Alles ganz lang her und Schnee von gestern? Gerade mit Blick auf gesellschaftliche
Entwicklungen der letzten Jahre sollte man sich da nicht so sicher sein. Schon lange vor dem Einzug des neofaschistischen Karnevalsvereins Jobbik in das Europaparlament im
Sommer 2009 feierte nationalistisches Gedankengut fröhliche Urstände in den Köpfen Vieler. Der mit den Nachbarregimen ideologisch verbrüderte Staatssozialismus der
Nachkriegszeit scherte sich wenig um eine Aufarbeitung des kollektiven Trianon-Traumas. Das Problem wurde nur überdeckt, nicht gelöst. Was da
jahrzehntelang Gelegenheit hatte, als diffuse Mischung aus Enttäuschung über bestehende Eliten, Fremdenfeindlichkeit und übersteigertem Nationalstolz unter der
Oberfläche weiter vor sich hin zu schwelen, entwickelte sich dann spätestens mit den großen Ausschreitungen infolge der Lügenrede Gyurcsánys 2006 zu einem landesweiten
Flächenbrand, der nicht nur durch die Hau-Drauf-Rethorik von Jobbik sondern auch den rechtspopulistisch-konfrontativen Stil des Fidesz ordentlich angefeuert wurde.
Alter Wein in neuen Schläuchen – der Alltagsrevisionsmus von heute
Dabei ist der wiedererstarkte Nationalismus von heute dem Revanchismus von damals
sowohl im Gedankengut als auch in der konkreten Ausformung näher als man denken möchte. Das fängt schon im Alltäglichen an: es dürfte wohl nicht wenige Touristen
geben, die sich schon darüber gewundert haben, dass in Budapest und anderswo auf diversen Autos Aufkleber mit Landesumrissen prangern, die so gar nicht zur aktuellen
Weltkarte von Europa passen wollen. Auch die dementsprechenden T-Shirts mit der Silhouette von Großungarn gehören zum Standardprogramm eines jeden
Billigkleiderstandes. Ein genauer Blick in diverse Souvenirgeschäfte offenbart einen ähnlichen Einfallsreichtum in Bezug auf Anti-Trianon-Memorabilien, die auch 1920 der
letzte Schrei gewesen wären.
Ein Mahnmal des Revanchismus in Kecskemét
Trianon-Mahnmale scheinen ebenso wieder in Mode zu kommen. Zumindest wurde jüngst zum
90. Jahrestag des Trianonvertrags am 4. Juni ein brandneues Monument neben dem Rathaus der zentralungarischen Stadt Kecskemét eingeweiht, das wenig subtil (dafür umso moderner gestaltet,
siehe Fotos oben und rechts) die Trianon-Grenzen und die umliegenden Gebiete in Kalkstein verewigt, drapiert darüber eine ungarische Flagge auf Halbmast – ebenfalls ein zentrales Motiv der
Horthy-Ära. Dr. Gábor Zombor (Fidesz-KDNP), Bürgermeister von Kecskemét und zentraler Förderer des Denkmalprojekts, sprach im Vorfeld unverhohlen aus, dass die
Idee dieses Denkmals bis ins Jahr 1940 zurückreiche, die Stadt damals aber nicht mehr zur Errichtung gekommen wäre. Bei so viel Rückwärtsgewandtheit klingt es wahlweise
wie Hohn oder Realitätsverlust, wenn die Widmung des Werkes behauptet, dass man „mit Zuversicht auf eine aussichtsreiche Zukunft“ hoffe. Wie will man bitte in eine
aussichtsreiche Zukunft gehen, wenn man noch nicht einmal die Gegenwart akzeptiert? - Die Daimler AG baut in Kecskemét übrigens gerade ein neues, großes Werk, vielleicht
Gelegenheit mit dem Bürgermeister einmal über den Lehren der großdeutschen Vergangenheit und den Perspektiven der Region zu plaudern?
Auch in der Welt der nationalen
Politik gab es jüngst wieder Zeugnisse für die Verbreitung nationalistischer Motive. Da war zum einen das große symbolpolitikschwangere Staatstheater, das Fidesz um den
bereits erwähnten Trianontag vor zwei Monaten aufgeführt hat und das erwartungsgemäß unwirsche Reaktionen von Seiten der Slowaken provoziert hat (der Pester Lloyd berichtete, Foto rechts). Zum anderen hat Jobbik Ende Juli vorgeschlagen, das in den 1920ern verbreitete
„Nationalgebet“ („...ich glaube an ein Heimatland, …ich glaube an die Wiederauferstehung von Ungarn!“) wieder in den Schulen einzuführen. Letzteres wurde
vom Rest des Parlaments mehr oder weniger deutlich als Unsinn abgelehnt, ersteres jedoch erfuhr in seiner Grundidee durchaus breite Akzeptanz bei allen Lagern. Sind fast
100 Jahre nicht genug für die Vergangenheitsbewältigung?
"Mit dem Allerwertesten lässt sich nur schwerlich die Zukunft gestalten"
Man kann nicht allen Ungarn pauschal rechte Tendenzen unterstellen. Aber dennoch
scheinen sich gerade in den letzten Jahren die Indizien für die breite Tolerierung revisionistischer Stimmungen zu häufen, die es schon einmal in der ungarischen
Geschichte gab und die damals höchst destruktive Folgen hatte. Auch heute sind Folgen zu sehen: Gewalt und Rassismus gegen Roma, erhöhte Intoleranz gegen
Andersdenkende, Anderslebende, eine eingeschüchterte, kraftlose "Zivilgesellschaft". Die bisher quasi nicht vorhandene (und angesichts der Schullehrpläne wie der lauten
Töne der nationalistischen Polterer auch nicht angestrebte) Vergangenheitsbewältigung der Ungarn mag zwar eine nachvollziehbare Erklärung für ihre Gefühle in Bezug auf
Trianon sein, allerdings sind und bleiben diese Gefühle anachronistisch, sind eine Fehlleitung, hinter der ein schäbiges Kalkül steckt. Welche Machtmechanismen und
(einheimischen) Kräfte dafür verantwortlich waren, dass Ungarn überhaupt in solch uneheiligen Allianzen endete, diese Fragen werden nicht gestellt, schuldig sind immer die Anderen.
Vor allem aber führen diese Trivialisierungen von Trianon und Horthy überall hin, nur
nicht in die strahlende Zukunft, die Ungarn zu wünschen ist und an der gerade auch ernsthaft gearbeitet wird, wenn auch überdeckt von viel nationalistischem
Schmierenthater, das wohl den Kitt für das nationale Gebäude des Chefarchtitekten Orbán abgeben soll. Nach 90 Jahren wird es langsam Zeit, die Trauer über ein nicht
mehr änderbares Faktum zu überwinden und sich auf neue Ziele zu konzentrieren und als Bürger die Fremdbestimmung durch Ideologen abzulegen, gemäß dem deftigen
ungarischen Sprichwort „Aki mindig a múltba fordul a seggel megy a jövobe“. Zu Deutsch: „Wer immer nur in die Vergangenheit schaut wird mit dem Arsch in die
Zukunft gehen.“ Und mit dem Allerwertesten lässt sich nur schwerlich die Zukunft gestalten.
Christian Pasche
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